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Peter Heinemann — “Straßenfluchten”

Schon lange hatte ich mir die Frage gestellt, inwieweit es stimmt, daß die Fotografie in jedem ihrer Einzelwerke komplett ist. Irgendwann war meine Aufmerksamkeit auf Fotografien von Städten gefallen, denen eine Sogwirkung zu eigen war: ich wollte hineinsteigen, den Weg weitergehen, mich einfach in der Weite, am Ende des Horizontes verlieren oder den Weg, den der Fotograf ging, um seinen Aufnahmstandpunkt einzunehmen, in Gegenrichtung zurückschreiten. Roland Barthes schrieb in seinem Essay „Die Helle Kammer“, daß die Fotografie immer ein Verweis auf das ist, was auf dem Bild nicht zu sehen ist. Dies im Bild oft nur (beispielsweise im Anschnitt) Angedeutete erfährt seine Fortsetzung in den Welten, die in den Gedanken des Betrachters aufgehen, seinem „inneren Auge“, das sich vielleicht an Begebenheiten in der Vergangenheit des eigenen Lebens erinnert und ihn nun über den Rand des Bildes hinausführt und mit dem auf diese Art Verknüpften die Kaderage der Fotografie durchbricht.

Zum einen ist es mir wichtig, die Aufmerksamkeit des Betrachters mit der alleinigen Verwendung der Zentralperspektive auf eine bestimmte Sehweise zu lenken, die er im Alltag kaum bewußt erleben kann, sondern nur vom Steuer seines Autos oder vom Lenker seines Fahrrades  aus. Mir geht es darum, daß der Betrachter durch das ausschließliche Angebot zentralperspektivischer Bilder zu einem Verständnis sowohl der Besonderheit einer Bildserie kommt, die aus Bildern ausschließlich einer Perspektivart besteht, als auch durch das Fehlen jeder anderen Ansicht in der Umkehrung der Perspektiven und Eindrücke bewußt wird, derer ich ihn durch das Sichten meiner Fotos beraube. Solange der Betrachter will, kann er sich also dem Zwang einer von mir selektierten Sichtweise aussetzen.

Zum anderen sind ganze Straßenzüge der nördlichen Innenstadt Dortmunds von Verwahrlosung und fortschreitendem Verfall bedroht. Durch meine Arbeit in diesem Stadtteil, in dem ich selbst einmal wohnte, möchte ich sowohl zu einem Archiv der baulichen Substanz beitragen, als auch Bewohnern in Ausstellungen, die über diese Diplomproduktion als spätere Verwertung hinaus stattfinden könnten, eine Sicht auf die frappierende Schönheit der Nordstadt vermitteln, die sich dem Blick des aufmerksamen Betrachters gegenüber allen sozialen Problemen behaupten kann. Ich möchte mit meiner Arbeit dazu beitragen, den Bewohnern des Nordens und auch anderer Stadtteile das Bewußtsein zu vermitteln, daß diese Gegend mehr ist als ein ungeliebtes Quartier von geringem Ansehen, sondern stattdessen ein schönes, traditionsreiches, vielfältiges und lebendiges Viertel Dortmunds voller städtebaulicher Dokumente, dessen Rettung immer noch möglich und der Mühe wert ist.

Als Titel meiner Arbeit wählte ich das doppeldeutige Wort „Straßenfluchten“, das zum einen die ältere Bezeichnung für den Blick durch einen Straße in Richtung ihres Verlaufes meint, dann aber wieder könnte es als „Flucht“ im Sinne eines „Weglaufen“ verstanden werden, von dem dieser Stadtteil wirklich in gewisser Weise betroffen ist, wenn seine Bewohner ihn im Begriff sehen, mehr und mehr zu verelenden und deshalb ihr Heil in der Flucht suchen, hin zu vermeintlich besseren, weniger problembehafteten Bezirken. Aus diesem Grunde sind meine Bilder menschenleer. 5 Bücher, 500 Seiten mit Kartierungssystem.

  • Art und Umfang Buchprojekt in 5 Bänden
  • Abschluss Diplom (Kommunikationsdesign)
  • Studienrichtung Grafik
  • Betreut durch Willi Otremba und Thomas Linke
Peter Heinemann Peter Heinemann Peter Heinemann